KULTUR: Freilichtspiele Altusried 1999 - Ein Rückblick

Ganz Altusried befand sich von 3. Juli bis zum 29. August 1999 im "Bauernkrieg-Fieber" - und das gesamte Allgäu dazu, wenn man das außergewöhnliche Interesse und die Zuschauerzahlen betrachtet. Nahezu 70.000 Besucher haben die Spiele verfolgt und es wollten noch weit mehr kommen. Viele Vorstellungen waren bereits Wochen im voraus restlos ausverkauft. Selbst mit zwei kurzfristig eingeschobenen Zusatzveranstaltungen konnte die immense Nachfrage nicht vollends befriedigt werden.

Nicht nur Petrus war den insgesamt 28 Aufführen in zwei Monaten wohlgesonnen. Die Spiele verliefen äußerst erfolgreich ohne Zwischenfälle und größeren Pannen.

Altusried bedankt sich hiermit bei all den zahlreichen Gästen und Besuchern für ihr Kommen! Freuen Sie sich jetzt schon mit uns auf die nächsten Allgäuer Freilichtspiele im Jahr 2002!

"Anno 1525 - Bauernkrieg im Allgäu"

Nach vierjähriger Pause konnten die Allgäuer Freilichtspiele Altusried ihre 120jährige Tradition fortführen und 1999 erstmals unter der neuen Tribünenanlage die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Zur Aufführung kam das Stück "Anno 1525 - Bauernkrieg im Allgäu", das 1986 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.

Das Stück schildert den Aufstand der Allgäuer Bauern unter der Führung des Knopf von Leubas gegen die Ungerechtigkeiten und Schikanen ihrer Landherren, die sich um die Figur des Kemptener Fürstabtes Sebastian von Breitenstein scharen. Die Handlung beginnt auf einem großen, bunten Jahrmarkt in der Reichsstadt Kempten. Die Unzufriedenheit der Bauern über Lasten und Abgaben, über ungerechte Plünderung und Verhaftung greift immer mehr um sich. Nachrichten aus anderen Gegenden künden von Verweigerungen und Aufständen. Auch hier auf dem Markt kommt es zu Ausschreitungen, die Bauern rotten sich zusammen. Der Knopf von Leubas, Sohn eines Aufständischen aus Leubas wird zum Anführer erkoren. In die aufgeregte Stimmung bricht die Nachricht, daß der Fürstabt an der Pest gestorben sei und die Ernennung eines neuen kirchlichen Oberhauptes unmittelbar bevorstünde. Die Erregung steigert sich zum überkochen. Es muß etwas geschehen! 

In enger Anlehnung an die geschichtlichen Tatsachen verfolgt die Handlung das Geschick des Aufstandes: Der Bruch der Bauern mit Adel und Klerus; Belagerung und Sturm der Burg Liebenthann; Gründung des "Schwäbischen Bundes"; Konfrontation der Bauern mit dem Truchseß von Waldburg; die große Schlacht bei Leubas und die darauf folgenden Ereignisse. Eingebettet in die Handlung tauchen Persönlichkeiten der Geschichte auf wie die Aufständischen Walter Bach oder Martin Waibel (der "Vater der Landsknechte"), Jörg von Frundsberg, Kanzler Eck, Henker Aichelin - vor allem aber die tragische Figur des Jörg Schmied, genannt Knopf von Leubas, mit dessen Schicksal sich das Los tausender und abertausender von Bauern identifiziert.

Die Altusrieder Freilichtspieler bemühten sich mit einem Aufgebot von 500 Darstellern, 30 Pferden, Wagen, Kutschen, Kanonen, mehreren musikalischen Formationen, Gauklern und vielen anderen Überraschungen die Stimmung des Bauernkrieges einzufangen und den Zuschauern der Vorstellungen ein unvergeßliches Erlebnis zu bieten. Dem vielen Lob und der großen Anerkennung war zu entnehmen, daß die Aufführungen den Zuschauern ebenso viel Freude bereiteten wie den Mitwirkenden selbst.

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Regie, Musik, Text - die Macher hinter den Kulissen

Die Freilichtspiele haben viele Macher. Nur durch das Zusammenspiel und die Zusammenarbeit zahlloser Mitbürger sind die Spiele in dieser Art und Weise überhaupt möglich. Hier sind drei Personen, denen ein großer Anteil am Erfolg gebührt:

Hanns Schuschnig (Regisseur)

Hanns Schuschnig wurde 1927 in Hermannstadt/Siebenbürgen (Rumänien) geboren. Er studierte von 1949 bis 1954 Regie und Theaterwissenschaften an der Hochschule für Theater und Filmkunst in Bukarest. Anschließend war er Regisseur in Bukarest und Temeswar. 1956 gründete er in Hermannstadt das Deutsche Theater, das er sechs Jahre lang leitete. Nach sieben Jahren als Regisseur am Staatstheater Temeswar kehrte er 1970 nach Hermannstadt zurück. 1979 kam er in die Bundesrepublik. 1980/81 war er Gastregisseur in Münster und Bremerhaven. Neben zahlreichen Inszenierungen im "Theaterkästle" hat er für die Freilichtspiele "Wilhelm Tell", "Anno 1525 - Bauernkrieg im Allgäu", "Götz von Berlichingen" und "Andreas Hofer" auf die Bühne gebracht. Er war maßgeblich an der Neufassung des "Bauernkrieges" beteiligt.

Richard Zettler (Komponist)

Richard Zettler kam 1921 in Leutkirch zur Welt. Er studierte an der Musikhochschule Stuttgart und war anschließend als Lehrbeauftragter an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen und Stuttgart tätig. 1980 erhielt er den Titel Professor. Er selbst sagt über seine Musik zum "Bauernkrieg": "Obwohl ich als Allgäuer eine direkte Beziehung zum geschichtlichen Text habe, war die mir gestellte Aufgabe, obwohl reizvoll, sehr schwer. Denn 1525 begann ja die Mehrstimmigkeit mit klaren, harmonischen Sätzen, das Instrumtarium allerdings war noch recht einseitig. Mir stand das Experiment bevor, Musik der damaligen Zeit möglichst stilecht auf ein Blasorchester zu übertragen. Ob mir die Aufgabe gelungen ist, vermag ich selbst nicht zu entscheiden."

Hans Kehrer (Autor)

Hans Kehrer wurde 1913 in Kleinsanktpeter/Banat geboren. Er hat in seinem Leben viele Berufe ausgeübt: Er war Lehrer, Kantor, Schauspieler und Bühnenautor. Seit 1980 lebt er als Schriftsteller in Bielefeld. Seine Aufgabe, ein Stück für die Altusrieder Freilichtspiele zu schreiben beschreibt er selbst: "Durch den Besuch des Altusrieder Tell-Spiels 1982 war ich vorab über die Eigenarten und Verhältnisse des Altusrieder Naturtheaters im Bilde. Zunächst befaßte ich mich geraume Zeit mit dem Studium geschichtlicher Quellen und Chroniken. Die Wucht und die Anzahl der historischen Ereignisse waren überwältigend. Meine Aufgabe war es, die Kunst des Weglassens zu üben und aus der schwer überschaubaren Überfülle jene Ereignisse auszuwählen, die einen glaubhaften Handlungsstrang für die Bühne ergeben."

 

Arbeit mit Haken und Ösen - Die im Dunkeln sieht man nicht

Wenn das Stimmengewirr auf der Zuschauertribüne langsam verstummt, die Musik zu den ersten Klängen anhebt, wenn sich auf der Freilichtbühne die ersten Schauspieler in bunten Gewändern zum ersten Bild einfinden - dann steht das Stück. Vergessen sind die unzähligen Stunden, in denen probiert, diskutiert und arrangiert wurde. Aber wie entsteht so ein gewaltiges Projekt? Wie bringt man so viele Menschen unter einen Hut, so daß letztlich ein Stück aus einem Guß herauskommt? Werfen wir einen Blick auf den Weg, den einen solche Inszenierung gehen muß. Und schauen wir dabei auch dem Regisseur Hanns Schuschnig über die Schulter, der uns einen Einblick in sein Regie-Tagebuch gewährt hat.

Eines ist klar: Auch wenn die Altusrieder dem reinen Laienspiel schon entwachsen sind, auch wenn sie eine in Europa einzigartige Tribünenkonstruktion haben bauen lassen - ohne das ehrenamtliche Engagement zahlloser Helfer war und ist ein Freilichtspiel nicht denkbar.

Das fängt an, bevor es das Stück überhaupt "gibt". In einer Bürgerversammlung, die regelmäßig zu den bestbesuchten im Jahr gehört, wird darüber abgestimmt, welcher Held denn nun diesmal sein Leben oder zumindest seine Freiheit für die gute Sache lassen darf. Da wird diskutiert, geschimpft, gestritten - und hinterher sitzt man wieder friedlich beim Bier zusammen und stößt auf das Gelingen des Stückes an - diesmal auf den "Bauernkrieg".

Hanns Schuschnig war ebenfalls dabei: "Warum nur beschäftigt die Altusrieder gerade heute, beinahe 500 Jahre danach, diese Zeit so intensiv? Die Antwort muß wohl in der Tradition liegen, die die Altusrieder mit ihren Freilichtspielen haben. Seit 120 Jahren ist das Thema ,Kampf um Freiheit' Grundlage aller Aufführungen."

Noch zwei Jahre bis zum Tag X

Für den "Bauernkrieg" wurde eine bisher noch nicht dagewesene Form der Arbeit gefunden. Im Juni 1997 flattern vielen Altusriedern ein Schreiben ins Haus, in dem sie darüber informiert wurden, in welchem der AK's sie in Zukunft ihr Scherflein zum Freilichtspiel beitragen können. AK ist das Kürzel für Arbeitskreis, und davon gab es gleich 17 Stück: So zum Beispiel einen für Spielerinteressen, einen für Regie, Kostüme, Werbung, ...

Hier konnte jeder das einbringen, was er eben am besten kann, sei es eine Hütte für die Laienspieler zimmern oder die Spielerschar einkleiden.

Textaufgaben

Hanns Schuschnig hatte sich zum Beispiel mit den Tücken des Textes auseinanderzusetzen: "Zwölf Jahre sind seit der letzten Aufführung vergangen. Die Bedingungen sind völlig verändert. Wir müssen die Inszenierung auf gänzlich neue Voraussetzungen aufbauen. Die Frage ist: Entspricht das Stück noch heutigen Anforderungen? Welche Lehre können wir aus der vergangenen Spielzeit ziehen? Welche Veränderungen sind notwendig? Banal mag die erste Erkenntnis erscheinen, ist aber doch ungeheuer wichtig: Vor allem die Handlung muß gestrafft werden - die alte Fassung war schlicht und einfach zu lang. Aber damit ist es nicht getan. Die einzelnen Bilder müssen viel stärker verkettet werden, so daß der Ablauf flüssiger wird. Von besonderer Bedeutung war es, die Figur des Haupthelden, des "Knopf von Leubas", stärker zu unterstreichen. Wenn möglich, sollte ein dramatischeres Aufeinanderprallen unterschiedlicher, ja entgegengesetzter sozialer Kräfte deutlich werden - die Anforderungen, die das Stück an uns gestellt hat. Nun gilt es aber diese Vorgaben in der Aufführung entsprechend umzusetzen. Ein entscheidender Schritt war die völlige Neubesetzung aller Rollen, bis hin zur kleinsten Nebenrolle. So konnte sichergestellt werden, daß Routine und Klischee bei Darstellung der Charaktere verhindert wird."

Von ungeheurer Bedeutung für die Wirkung einer historischen Freilichtaufführung, sind die Kostüme: Zwar verfügt Altusried aufgrund seine Tradition über einen Fundus, der sich sehen lassen kann, aber trotzdem werden für jedes Spiel neue Kostüme geschneidert, alte umgeschnitten oder repariert. So haben 14 Näherinnen an 21 Nachmittagen über 1000 Stunden investiert und dabei unglaubliche Mengen Material verarbeitet: 16 Kilo Knöpfe, 90 Kilo Vorhang- und Polsterstoffe, 1000 Haken und Ösen.

Aber auch ganz andere "Kaliber" wurden in Handarbeit gefertigt: 40 Spieße und 12 Morgensterne werden dafür sorgen, daß die Bauern der Obrigkeit das Leben schwer machen werden.

Man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, daß es für die Zuschauer hier nichts zu entdecken gibt, in dem nicht irgendwo ein bißchen ehrenamtliche Arbeit steckt.

Der Kampf beginnt - um die Aufmerksamkeit der Zuschauer

Dieser Aufwand war unter den neuen Bedingungen besonders wichtig, wie Hanns Schuschnig notiert hat: "Doch dann stand uns die schwierigste Aufgabe bevor: Die neuen Gegebenheiten. Der Tribünenneubau bot uns auch ganz neue Dimensionen - die sich daraus ergebenden Möglichkeiten von Ton und Licht mußten erst erprobt werden. Die Spielachse wurde aus der Breite in die Tiefe verlagert, für Pferde, Wagen, Kanonen und natürlich die Menschenmassen ergaben sich ganz neue Zugänge für ihre Auftritte. Dementsprechend mußten für die Dekoration und den Bühnenbau völlig neue Prinzipien angewandt werden - denn die ungeheure Wucht des neuen Bühnenbaus braucht ein entsprechendes Gegengewicht."

Es war vorhersehbar, daß das Auge des Zuschauers immer wieder zur imposanten Silhouette des Tribünendaches irren wird, also mußte ein intensiveres Formen- und Farbenspiel als bisher den Blick des Zuschauers gefangen halten. All dies sind wichtige Überlegungen, die weit vor Beginn der eigentlichen Proben angestellt werden mußte. Heute kann im Rückblick festgestellt werden, daß es gelungen ist.

Zeigt her Eure Schuh'...

Übrigens wurden erstmals für das Freilichtspiel Schuhe gekauft. Genauer gesagt 120 Paar Stiefel, die überwiegend von Landsknechten getragen werden. Da die Lage wie immer schwierig und die Zeit knapp war, mußte dafür erst einmal ein Schuhmacher gefunden werden, der diese Menge in der zur Verfügung stehenden Zeit fertigen konnte. Fündig wurde man schließlich in Brünn/Tschechien - Dank der freundschaftlichen Beziehung zu auswärtigen historischen Vereinen.

All das mag illustrieren, wieviel Arbeit in einem solchen Stück steckt, bevor überhaupt ein Schauspieler einen einzigen Satz gelesen hat. Denn das, das weiß der Regisseur, ist bei der Altusrieder Spielfreude das kleinste Problem: "Mit dem Startschuß zu den Proben stellte sich sofort eine breite Bereitschaft der Bürger ein, auch diesmal wieder mit vollem Einsatz hinter den Spielen zustehen, Freizeit, Urlaub und ein Stück Familienleben zu opfern, um wieder einen Gemeinschaftsleistung zu schaffen, die stets Staunen und Bewunderung hervorruft. Dennoch, es gibt noch unendlich viel zu tun.

Auf und unter

Noch etwas: Die Zuschauer saßen nicht nur unter, sondern auch auf. Unter einem regengeschützten Dach und auf geballter Technik. 35 Kilometer Versorgungsleitungen wurden im Spielgelände verlegt, das ist die Entfernung einmal Kempten und zurück, mit einem Abstecher in die Burgruine Kalden. Oder noch anschaulicher - für die Zuschauer, die nicht aus dem Allgäu kommen: 87 Runden auf der Aschenbahn des Olympiastadions in München. Diese Leitungen versorgen unter anderem 150 Scheinwerfer, eine Tribünenbeleuchtung mit 50 Flutern und ein digitales Ton-Mischpult mit Energie - ein Feuerwerk für alle Sinne.

Informationen aus dem Fundus

Von 14 Näherinnen wurde an 21 Nachmittagen über 1000 Stunden gearbeitet und folgendes gefertigt:

dabei wurden verarbeitet:

Außerdem wurde in Handarbeit hergestellt:

zudem wurden zahlreiche Waffen und landwirtschaftliche Geräte repariert